Von der "Diagnose" zur Prognose,
von der Messung zur Schätzung:
Pollenfluginformationen in Deutschland
Pollenfluginformationen (-berichte, -reporte, -warnungen, -vorhersagen) für Deutschland gibt es inzwischen zuhauf im Internet und in den Printmedien. In der Regel sind es ausschließlich Vorhersagen (Prognosen) für den Allergiker.
Als Grundlage dafür muss der Pollenflug zunächst aktuell gemessen werden; erst auf der Basis aktueller Pollendaten kann eine Pollenflugvorhersage für ein klimatisch einheitliches Gebiet erstellt werden, in dem gemessen wurde.
Der Wind kann unter günstigen Bedingungen (Thermik, hinreichende Windgeschwindigkeit) Pollen - und auch Sporen - über weite Strecken transportieren. Daher ist das Wissen um den Pollen- und Sporenflug an möglichst vielen Messstellen hilfreich - vor allem von Messstellen, aus deren Richtung im konkreten Fall der Wind gekommen ist. Liegen diese Messstellen dann auch noch in klimatisch günstigeren Gebieten, können ferntransportierte Pollen darauf hinweisen, dass die jeweiligen Pollenquellen auch im Mess- bzw. Vorhersagegebiet bald aktiv werden. So haben für das Vorhersagegebiet Weser- Ems die Messergebnisse aus den Niederlanden häufig den Wert einer Vorwarnung.
Ob die festgestellten Pollen aus der Ferne herangeweht wurden, ist z.B. dann offenkundig, wenn im Messgebiet die jeweilige Pollenquelle noch nicht aktiv ist. Dazu sind also auch phänologische Beobachtungen (der Blühphasen) erforderlich.
Aktuelle Pollendaten werden bundesweit an über 40 Messstellen erhoben. Die meisten davon sind zu dem einzigen bundesdeutschen Messstellennetz unter dem Dach der Stiftung Deutscher Polleninformationsdienst (PID) mit Sitz in Berlin zusammengeschlossen. Zehn davon, die sogenannten Referenz-Messstellen (von Süd nach Nord: Freiburg, München, Fulda, Dresden, Mönchengladbach, Bad Lippspringe, Hannover, Berlin Charite, meine Messstelle Delmenhorst sowie Greifswald) messen ganzjährig und erfassen das gesamte Pollenspektrum der Luft.
In Absprache mit dem PID werden die Messwerte direkt an den Deutschen Wetterdienst (DWD) gemeldet. Der DWD nutzt diese Daten zusammen mit den Wetterdaten für 27 regionale Pollenflugvorhersagen (seit 2006 auch im Internet in ansprechender kartographischer Gestalt) jeweils für heute und morgen. Aktuelle Meldungen aus dem DWD-eigenen phänologischen Netz zur Beoachtung der Pflanzenentwicklung (hier: des Blühbeginns, der allgmeinen Blüte und des Blühendes) geben zusätzliche Sicherheit. In der Prognose berücksichtigt werden nur die allergologisch wichtigsten Pollentypen (Hasel, Erle, Birke, Gräser, Roggen, Beifuß und seit 2006 auch das Traubenkraut = Ambrosia). Die Vorhersagen werden nahezu täglich aktualisiert und über verschiedene Medien (Tageszeitungen, Telefon, Fax und Internet) weitergeben.
Bislang unbefriedigend gelöst ist das Problem der sog. Schwellenwerte. Sie markieren die Grenze zwischen schwacher, mäßiger und starker Belastung, wobei hier alle Pollen- und Sporenallergiker über einen Kamm geschoren werden. Hinzu kommt, dass die üblicherweise erhobenen Messwerte Tagesmittelwerte sind, also nichts über die meist tagsüber auftretenden Spitzenwerte aussagen. Die erfasste Zahl von pageviews dieser Seite zeigt zumindest einen deutlichen Zusammenhang mit den Pollenkonzentrationen, insbesondere von Birke und Gräsern. Da sich die Nutzer dieser website nicht nur in der Nähe der hier berücksichtigten Messstellen aufhalten, ist es sinnvoll, Daten weiterer Messstellen (auch im Ausland) nutzen zu können. Das geht auf indirektem Wege über ein sog. Pollentagebuch, das der PID (www.pollenstiftung.de / Pollentagebuch) in Zusammenarbeit mit den Verwaltern aller europäischen Pollendaten (EPI, siehe www.polleninfo.org) anbietet. In dieses online-Tagebuch trägt der Betroffene seinen jeweiligen Aufenthaltsort sowie Art und Stärke seiner Symptome ein und bekommt dann am Ende der Saison dazu passende Pollenkurven. Man erhofft sich durch die Auswertung der Pollentagebücher auch Bestätigungs- oder Korrekturhinweise auf die o.g. Schwellenwerte.
Neben den datengestützten Pollenflugvorhersagen des DWD und dieser website bieten etliche pharmazeutischen Firmen und online-Wetterdienste sowie einige Kliniken auf ihren homepages und über newsletters ihre Pollenfluginfos an, wobei nicht immer klar ist, aus welchen Quellen sie schöpfen. Nach meinen Recherchen wird nur in wenigen Fällen mit einer Pollenfalle gemessen. Und da in der Regel kein Zugang zu den Daten aus dem Netz des PID besteht, müssen sich diese Anbieter mit Blüh- und Pollenflugkalendern begnügen. Der PID hat Anfang 2008 fünf Pollenflugkalender veröffentlicht: einen für Gesamtdeutschland und weitere für vier deutsche Großregionen (Nord-, West-, Süd- sowie Mittel-/Ostdeutschland). Diese Kalender basieren auf Flugdaten von 16 Pollentypen aus den Jahren 2000 bis 2007. Daneben gibt es einen 1981 publizierten und inzwischen vergriffenen "Pollenkalender" von Dr. Erika Stix, die in der Zeit von 1965- bis 1976 an neun verschiedenen Biotopen (Küste bzw. Insel, Bergwald, Bergweide bzw. -wiese Heide, Wiese, Landwirtschaft, Stadtzentrum und Stadtrand, Industriegebiet) in der ehemaligen BRD das gesamte Pollenspektrum gemessen und darüber Säulen- und Kurvendiagramme erstellt hat. An den einzelnen Messstellen wurde maximal sieben Jahre gemessen.
Neuerdings werden "Wetterstationen" angeboten, welche nicht nur das Wetter für die Region vorhersagen, sondern für drei Tage auch den Pollenflug. Möglicherweise steckt wetter-online dahinter. Meines Wissens hat dieser Service keinen Zugang zu aktuellen Pollendaten. Auch phänologische Beobachtungen zu den Blühzeiten werden offenbar nicht angestellt. Das zeigt sich an den schon seit einigen Jahren angebotenen newsletters, in denen zum Teil vor Pollen gewarnt wird, die noch gar nicht aus regionalen Quellen stammen können. Zwar können Pollen über weite Strecken transportiert werden (Ferntransport), die gemessenen Konzentrationen reichen aber nur in Ausnahmefällen für die Auslösung einer Symptomatik aus. Kurzum: die Verlässlichkeit der Pollenflugvorhersage über die oben genannten Wetterstationen muss in Frage gestellt werden.
Stand: 11.Januar 2011
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